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Download des folgenden Textes im RTF Format als Zip Datei William ShakespeareWAS IHR WOLLT(Der Dreikönigstag)Deutsch von Christoph Martin Wieland und Jörn van Dyck
Die Musikanten:
Premiere am 18. September 1997 im Großen Haus. Eine Pause. Zum InhaltJAN KOTT BITTERES ILLYRIEN In WAS IHR WOLLT wird Viola mit dem Schiffs-Kapitän an die Ufer Illyriens geworfen. Mit der Fabel vom Zwillingspaar, in der die Schwester ihren Bruder bei einem Schiffbruch verliert, wird Shakespeare in wenigen Versen fertig. Die Intrige ist nur ein Vorwand; das Verkleidungsspiel ist das eigentliche Thema. Um dem Herzog dienen zu können, muß Viola einen Knaben spielen. In Märchen, Legenden, Sagen, in der Folklore aller Völker, in der lyrischen und epischen Dichtung von Homer bis in unsere Zeit, verkleiden sich die Mädchen als Knaben. Sie verbargen ihr Geschlecht unter der Rüstung, um in den Krieg zu ziehen, unter der Kutte, um ins Kloster zu gehen, sie verkleideten sich als Studenten, um auf die Alma Mater zu gelangen. Das Mittelalter kennt die heroische und die hagiographische Verkleidung. Die Renaissance gefiel sich im erotischen Mummenschanz. Wir begegnen ihm in der italienischen Komödie, in den ersten Szenarien der commedia dell' arte und in den Novellensammlungen, denen Shakespeare die Motive seiner Komödien entlieh. Die Verkleidung bezog ihre Rechtfertigung aus den damaligen Sitten: Die Mädchen durften nicht allein reisen, es gehörte sich nicht, abends allein auf den Straßen italienischer Städte spazieren zu gehen. Das Verklei-dungsspiel hatte auch auf der Bühne seine Rechtfertigung: es war nichts Ungewöhnliches. Aber in der Szene mit Viola und dem Kapitän fällt sofort die Kraßheit der Formulierungen auf. Die Shakespeare-Kenner sind der Ansicht, daß Viola in der ersten Komödienfassung die Lieder gesungen habe, die später der Narr übernahm. Deshalb stellt der Kapitän Viola dem Herzog als einen italienischen Kastraten vor. Aber selbst nach dieser Korrektur hat der Vorschlag etwas Schockierendes an sich. Ein junges Mädchen soll sich in einen Eunuchen verwandeln. Plötzlich wird es unheimlich. Wie alles bei Shakespeare ist das Absicht. Das Verkleidungsspiel war etwas Übliches, aber hier, in WAS IHR WOLLT, hat es etwas Aufreizendes an sich. Ein Mädchen verkleidet sich als Knabe, doch zuvor hat sich ein Knabe als Mädchen verkleidet. Auf der elisabethanischen Bühne wurden die Frauenrollen von Knaben gespielt. Das war eine Beschränkung, die Theaterhistoriker sind sich darüber im klaren. Die Frauenrollen sind in den Shakespeare-Dramen deutlich kürzer als die Männerrollen. Shakespeare kannte die darstellerischen Möglichkeiten der Knaben. Sie konnten junge Mädchen spielen, mit einiger Mühe alte Frauen. Aber wie sollte ein Knabe eine reife Frau darstellen? Im gesamten Shakespeare-Theater, mehr noch, im gesamten elisabetbanischen Drama, gibt es nur sehr wenige solcher Rollen. Lady Macbeth und Kleopatra sind sexuell reif. Doch ihre Rollen sind gleichsam beschnitten, den Möglichkeiten eines Knaben angepaßt. Das wissen alle Darstellerinnen von Kleopatra und Lady Macbeth. Diese Rollen geben wenig her, es ist, als wären ganze Seiten herausgerissen, sie sind voller Lücken und leerer Stellen. Shakespeare hat es nicht gewagt, Kleopatra in den Liebeszenen zu zeigen, er zog es vor, darüber zu berichten. Er erzählte von Kleopatras körperlichen Reizen, zeigen wollte er sie nicht. Mindestens zweimal jedoch hat Shakespeare diese Beschränkung zum Thema und Theaterinstrument der Komödie gemacht. Shakespeares Komödien wurden für eine Bühne geschrieben, auf der junge Männer die Mädchenrollen übernehmen. In WAS IHR WOLLT wendet sich der Page des Herzogs an Gräfin Olivia, ein als Knabe verkleidetes Mädchen an einen als Mädchen verkleideten Knaben. Aber das als Knabe verkleidete Mädchen ist selbst ein als Mädchen verkleideter junger Schauspieler. In was für einem Land sind wir, meine Freunde? In Illyrien, gnädiges Fräulein. Wir sind immer noch in Illyrien. Hier ist die Zweideutigkeit das Prinzip der Liebe wie des Lustspiels. In Wirklichkeit ist Viola weder ein Knabe noch ein Mädchen. Viola-Cäsario ist der "Mädchen-Knabe" der Sonette. Für dieses Instrument wurde die Musik von WAS IHR WOLLT geschrieben. Viola ist zugleich Ephebe und Zwitter. Herzog Orsino, Viola und Olivia sind ohne Charakter, leer und nur von Liebe erfüllt. Sie lassen sich nicht voneinander kennen. Sie haben kein Eigenleben. Sie existieren ausschließlich in ihren Relationen und durch diese Relationen. Sie sind infiziert und infizieren mit Liebe. Der Herzog ist verliebt in Olivia. Olivia ist verliebt in Cäsario. Cäsario ist verliebt in den Herzog. So sieht es an der Oberfläche aus, auf der ersten Ebene des Shakespeareschen Verkleidungsspiels. Ein Mann, ein Knabe, eine Frau. Die Liebe hat drei Gesichter, wie in Shakespearres Sonetten. Das eben ist das Thema von Illyrien. In Illyrien reden alle in Versen von der Liebe. In erhabenen, zuweilen steifen Versen. Das authentische Drama spielt sich unterhalb dieser höfischen Rhetorik ab. Bisweilen wird sie durchbrochen, und ein Schrei dringt an die Oberfläche. So schreit Olivia nach dem ersten Besuch Cäsarios: Wie? Kann man sich denn so schnell anstecken?
Denselben Schrei könnten der Herzog oder Viola ausstoßen. In Illyrien ist die Liebe wirklich physisch, roh und ungestüm, sie läßt sich weder voll befriedigen noch voll erwidern. Wie in den Sonetten sind es drei Personen, die alle Formen der Liebe durchmachen. Olivia liebt Cäsario, Cäsario liebt Orsino, Orsino liebt Olivia. Das Shakespearesche Dreieck ist modifiziert worden, es besteht jetzt aus einem Mann und zwei Frauen, oder vielmehr: aus einem Mann, einem Mädchen und einer Frau. Für Olivia ist Viola ein mädchenhafter Knabe und für den Herzog ein knabenhaftes Mädchen. Der Shakespearesche Androgyn spielt für Olivia den Knaben und für den Herzog das Mädchen. Zum dritten Mal wird dasselbe Dreieck modifiziert. Cäsario-Viola, der Mädchen-Knabe, wird gleichzeitig von Olivia und dem Herzog geliebt. Illyrien ist ein Land des erotischen Deliriums. In allen Metamorphosen, auf allen Ebenen der Verkleidung, machen die drei, Olivia, Viola und der Herzog, aufeinander Jagd und können sich nicht verbinden. Sie wirken wie Holzpferde auf einem Karussell, wie es in Sartres GESCHLOSSENE GESELLSCHAFT einmal heißt. Viola - Cäsario kreist ständig zwischen Olivia und dem Herzog. Sebastians Erscheinen beseitigt die grundsätzliche Zweideutigkeit der Liebessituationen in Illyrien keineswegs, es vertieft sie eher. Wer wurde hier eigentlich irregeführt? Olivia oder der Herzog? Wer hat sich vom Schein täuschen lassen? Was soll diese ganze Komödie der "Irrungen"? Gehört die Begierde in die Ordnung der Natur oder in die Ordnung der Liebe? Die Liebe ist wahnsinnig. Und die Natur? Kann die Natur wahnsinnig und unvernünftig sein? Olivia hat sich in Cäsario verliebt, Cäsario hat sich als Viola entpuppt. Aber Viola verwandelt sich nunmehr in Sebastiano: Nun kommt's heraus, Gnädige Frau, Ihr habt Euch geirrt. Aber die Natur brachte auch hier alles auf den rechten Weg. Der Knabe hat sich in den Herzog verliebt, aber der Knabe war ein verkleidetes Mädchen. Der zweiten Ehe steht nichts im Weg: Dein Herr entläßt dich! ... Nehmt meine Hand hier Und von jetzt an seid Eures Herren Herr! Die Komödie ist aus, DER DREIKÖNIGSTAG oder WAS IHR WOLLT. Was wollt ihr: einen Knaben oder ein Mädchen? Die Schauspieler legen die Kostüme ab: der Herzog, dann Viola und Olivia. Jetzt hat sich eine weitere Metamorphose des Liebesdreiecks vollzogen. Übrig bleiben ein Mann und zwei Knaben. Doch kehren wir noch einmal auf die Bühne zurück. "Aber die Natur brachte auch hier alles auf den rechten Weg." Ein Knabe hat ein Mädchen gespielt, das einen Knaben spielte, dann ist der Knabe wieder zum Mädchen geworden, das sich wieder in einen Knaben verwandelte. Viola hat sich in Cäsario verwandelt, dann wurde aus Cäsario Viola, die sich in Sebastian verwandelte. Was war also letzten Endes Täuschung in dieser Komödie der Irrungen? Es gibt nur eine Antwort: das Geschlecht. Liebe und Begierde gehen vom Knaben auf das Mädchen über und vom Mädchen auf den Knaben. Cäsario ist Viola und Viola ist Sebastian. Das höfische Modell der idealen Liebe ist bis auf den Grund ironisiert worden. Oder so realistisch gezeigt worden wie möglich. Redaktion : Henning Reinholz |