PHÄDRA

Von Jean Racine

Deutsch von Friedrich Schiller

 

 

Regie: Alois-Michael Heigl

Bühne und Kostüme: Valerie Lutz

 

Mit:

Karl Heinz Glaser (Theseus), Charlotte Ullrich (Phädra), Jan Messutat (Hippolyt), Saskia Richter (Aricia), Max Reimann (Theramen), Ulla Willick (Önone), Esther Filges (Ismene), Friederike Frerichs (Panope)

 

 

Worum geht es?

Eine Frau liebt ihren Stiefsohn, wird zurückgewiesen und verleumdet ihn bei ihrem Mann - das klassische Modell für diesen Fall ist Phädra.

 

Phädra, Gemahlin des Königs von Athen, liebt leidenschaftlich ihren Stiefsohn Hippolyt. Als die Nachricht vom vermeintlichen Tod ihres Gatten Theseus eintrifft, wagt sie es, Hippolyt ihre Liebe zu gestehen. Hippolyt weist Phädra zurück. Er liebt Aricia, die von seinem Vater gefangen gehalten wird. Die Heimkehr des fälschlich totgesagten Theseus führt zur Katastrophe. In Panik über das Geständnis läßt Phädra zu, daß ihre Dienerin Önone Hippolyt bei Theseus als Verführer denunziert. Theseus verflucht seinen Sohn, der sich verurteilen läßt ohne Phädra anzuklagen. In ihrer Verzweiflung hin und her gerissen will Phädra Theseus die Wahrheit aufdecken. Doch bevor ihr das Geständnis über die Lippen kommt, erfährt sie von Hippolyts Liebe zu Aricia. In rasender Eifersucht hält sie ihr Geständnis zurück; Theseus Fluch erfüllt sich: Hippolyt wird von seinen eigenen Pferden zu Tode geschleift. Phädra nimmt Gift und bezeugt im Tod die Unschuld Hippolyts.

 

Stärker als der Mythos, der Phädra als eines Götterstreites schildert, wirkt in Racines Drama ihre irdische Leidenschaft. Phädra analysiert und verurteilt ihre Schuld mit der Klarheit und Intelligenz eines für sein Schicksal selbstverantwortlichen Menschen.

 

Friedrich Schiller hat die französische Tragödie ins Deutsche übertragen und ihr die leidenschaftliche Kraft seiner dramatischen Sprache verliehen.

 

 

Der Autor Jean Racine (1639 - 1699 in Paris)

Racine kommt aus der Provinz, wird in der Champagne geboren, lernt Griechisch und Latein in der Abtei Port Royal, dem Hauptquartier der jesuitenfeindlichen Jansenisten, die sich mit ihrer Lehre von der göttliche Gnade und Vorherbestimmung auf Augustinus berufen.

Er hat Verbindungen zum Hof, wird 1673 Mitglied der von Richelieu gegründeten Académie Fracaise.

Racine hat seine Dramen in engster Zusammenarbeit mit dem Theater entwickelt und die Hauptrollen immer für eine bestimmte Schauspielerin konzipiert. Er beherrschte meisterhaft die Umsetzung der klassischen, aristotelischen Dramentheorie, die die Einheit von Ort und Zeit vorschrieb. Mit seiner PHÄDRA (1677) erreicht sein Genie den Höhepunkt.

 

Racine ist ein Analytiker der menschlichen Leidenschaften. Seine Figuren sind dem Schicksal ausgeliefert. Modern sind seine Menschen dennoch, denn sie treten dem Schicksal als Individuen entgegen und nicht als Marionetten der Götter wie in den antiken Vorbilder. Schwerpunkt des Dramas ist nicht der äußere Handlungsverlauf, sondern die seelische Disposition der Figuren.

 

 

Informationen über das Stück

Jean Racine (1639-99) gilt unumstritten als der größte Tragödiendichter des klassischen Jahrhunderts in Frankreich. Er hat dem Corneilleschen Drama die letzte innere seelische Reife und äußere Formvollendung gegeben, so daß es dem aufs höchste geläuterten Geschmack der Generation von 1660 entsprach und dem Hofe Ludwigs XIV in seinen besten Jahren den Spiegel vorhalten konnte. Racine, aus einer Familie des Amtsadels stammend, früh verwaist, wurde von den frommen und gelehrten Herren erzogen, die sich um das Kloster Port-Royal angesiedelt hatten. Ihnen verdankt er seine tiefe humanistische Bildung, die ihn befähigte, die reine Menschlichkeit der griechischen Tragiker, eines Sophokles und Euripides, in seine Gegenwart zu übertragen. Er hat, sich der Welt zuwendend, in freundschaftlichem Umgang mit den großen Schauspielerinnen der Zeit und mit dem Hofe in einem kurzen Jahrzehnt, 1666 bis 1677, seine acht großen Dramen geschaffen, um dann, abgestoßen von den Intrigen der Welt, wieder in die Einsamkeit von Port-Royal zurückkehren; erst zwölf Jahre später ist er noch einmal mit zwei geistlichen Dramen zur Bühnendichtung zurückgekommen.

Die Phädra ist das letzte und vielleicht vollkommenste seiner Liebesdramen. Ihre innere Spannung in der Polarität von Leidenschaft und Tugend, Liebestrieb und sittlicher Selbstüberwindung, ist hier zur höchsten Liebestollheit gesteigert und in tragischer Verstrickung zu Ende geführt. Racine hat sich eng an sein Vorbild, die Phädra des Euripides, gehalten, an seine Fabel, die in höchstem Maße geeignet ist, der Poetik des Aristoteles entsprechend Mitleid und Schauer zu erregen: die Geschichte der Gattin des Theseus, die ihren Stiefsohn Hippolyt liebt und, da er ihr widersteht, ihn bei Theseus verleumdet und damit die ganze Familie ins Verderben stürzt. Aber er ist, wie er selbst im Vorwort erklärt, in einer Reihe von Zügen von Euripides abgewichen. So hat er die Verleumdung des Hippolyt der Dienerin Önone zugeschrieben, um den Charakter der Phädra nicht damit zu beflecken. Racine hat dabei nicht, wie August Wilhelm Schlegel in seiner antiklassischen Kritik meint, im Sinne der Hofetikette, sondern im Sinne einer inneren Vornehmheit der Heldin gehandelt. Auch wird der Gegenstand der Anklage abgeschwächt; Hippolyt soll die Stiefmutter nicht vergewaltigt, sondern nur begehrt haben. Racine hat die Gestalt des Hippolyt durch die Liebe zu Aricia, der Tochter eines Landesfeindes, und ein damit begründetes leises Schuldgefühl gegenüber dem Vater aus seiner sittlichen Starre menschlich gelöst. Aus Plutarch hat er die Hadesfahrt des Theseus als Anlaß für das Gerücht von seinem Tod genommen, mit dem er die letzte Verstrickung, das Liebesgeständnis der Phädra an Hippolyt, begründet.

Der Aufbau des Stückes ist von mathematischer Klarheit und Symmetrie. Im ersten, exponierenden Akt stellt sich Hippolyt mit seiner Liebe zu Aricia, Phädra mit ihrer Liebe zu Hippolyt vor, beide im Gespräch mit dem Vertrauten. Im zweiten Akt werden beide Liebespaare unmittelbar konfrontiert. Im dritten Akt ist noch alles in der Schwebe: Phädra wandelt sich von Hoffnung zu Verzweiflung; Hippolyt ist voll böser Ahnung. Der vierte Akt bringt die Verstrickung: Hippolyt wird verleumdet und von Theseus verbannt und verflucht, Phädra, in einem großen Eifersuchtsmonolog, gedenkt zu sterben. Der fünfte Akt bringt die Katastrophe: Flucht und Tod des Hippolyt, Bekenntnis und Selbstmord der Phädra.

Der Zauber der Kunst Racines liegt darin, daß er die ganze Gewalt der Leidenschaften und ihre Verwirrung erfaßt, aber den Konflikt mit dem Gewissen in die volle Helle des Verstandes und der sprachlichen Klarheit rückt. Phädra ist sich ihrer Liebestollheit bewußt und kämpft mit der ganzen Kraft des Verstandes dagegen an. Je rasender die Leidenschaft, desto glutheller und klarer wird Racines Sprache.

Die Sprache Racines, der melodisch dahinfließende gepaarte Zwölfsilber, Alexandriner genannt, ist im Deutschen nicht wiederzugeben. Die Übertragung in den Blankvers entfernt sich von dem lyrsich-opernhaften Charakter des Racineschen Dramas, dem warmen, gehobenen Gesprächston, der sich auf der Grenze zwischen Gespräch und Gesang zu bewegen scheint. Schiller, der das Drama 1804, kurz vor seinem Tode, auf Wunsch des Weimarer Hofes übersetzt hat, hat ihm statt der höfischen Eleganz die leidenschaftliche Kraft und den Glanz seiner dramatischen Sprache verliehen.

(Hermann Gmelin, Nachwort zu Racines PHÄDRA, (Reclam) Stuttgart, 1955)

 

Der Regisseur Alois-Michael Heigl

Alois-Michael Heigl arbeitet als freier Schauspiel- und Opernregisseur. Nach dem Studium und einer Ausbildung zum Schauspieler war er zunächst Regieassistent am Bayerischen Staatstheater Residenztheater München, bevor er als Spielleiter an die Bühnen der Stadt Bonn kam. Als Oberspielleiter war er an den Städtischen Bühnen Essen, dem Nationaltheater Mannheim, dem Staatstheater Hannover und den Bühnen der Stadt Frankfurt tätig. Es folgte eine Gastprofessur an der Universität in Tampere (Finnland) und anschließend sechs Jahre als Schauspieldirektor am Staatstheater Wiesbaden. Als freier Regisseur inszeniert er unter anderem an den Kammerspielen in München, den Bühnen der Stadt Köln, den Staatstheatern Stuttgart und Wiesbaden und dem Schauspielhaus Zürich. PHÄDRA ist seine erste Regiearbeit am Ulmer Theater.

 

Die Bühnen- und Kostümbildnerin Valerie Lutz

Valerie Lutz arbeitet als Ausstattunsassistentin und Bühnen- und Kostümbildnerin am Ulmer Theater. Nach einem Aufenthalt in New York, wo sie unter anderem an der Parsons School of Design und der School of Visual Arts studierte und Praktika im Bereich Kunstmanagement absolvierte, studierte sie an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg Freie Kunst und Bühnenbild bei Wilfried Minks und Raimund Bauer. Anschließend assistierte sie an verschiedenen Theatern (unter anderem bei Achim Freyer an der Volksbühne Berlin und am Staatstheater Kassel) und entwickelte eigene Arbeiten für das Schloßtheater Celle, das Staatstheater Kassel, das Aktionstheater Ensemble Wien und das Tanz-Forum Köln. Am Ulmer Theater entwarf sie das Bühnenbild und die Kostüme für LOU UND DIE FRÖHLICHEN WISSENSCHAFTER.

 

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