Uraufführung

Lou und die fröhlichen Wissenschafter

Szenen von Herbert Meier

 

 

Regie: Wolfgang Hagemann

Bühne und Kostüme: Valerie Lutz

Mit: Charlotte Ullrich (Lou), Renatus Scheibe (Genja, ihr Bruder), Norbert Entfellner (Friedrich, Philosoph), Frank Ehrhardt (Paul, Philosoph), Karl Heinz Glaser (Hendrik, Pastor), Anita Iselin (Elisabeth, Friedrichs Schwester) und die Statisterie des Ulmer Theaters (Kellner, Passanten, Prostituierte)

 

Premiere: Samstag, 25. September 1999, 19.30 Uhr im Podium

Matinée: Sonntag, 19. September 1999, 11 Uhr im Foyer

Ausstellungseröffnung: Samstag, 25. September 1999, 18 Uhr im Foyer

 

 

„Nach Jahren der todernsten Wissenschaft sind wir lebenssüchtig geworden"

 

Ein Strand bei Genua, der Petersdom in Rom, der Monte Sacro am Ortasee, eine Laube in Tautenburg / Thüringen, ein Zimmer in Leipzig und eine Piazza in Turin sind die Schauplätze in Herbert Meiers Szenen, denen historische Geschehnisse der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts zugrunde liegen.

Die Philosophenfreunde und Bohemiens Friedrich Nietzsche und Paul Rée, beide damals noch herzlich unbekannt, kuren an der italienischen Riviera. Sie lernen Lou Salomé, eine junge Russin, kennen. Zusammen mit diesem Freigeist wollen sie die Grenzen, die ihnen ihr Jahrhundert setzt, überschreiten: geplant ist ein Aufbruch „ins Offene, Blaue", in das Unentdeckte in der Welt und in ihnen selbst. Gesucht wird nichts weniger als ein Leben, was den eigenen Vorstellungen entspricht, eine neue, „fröhliche Wissenschaft", verabredet ein (platonisches) Verhältnis zu dritt.

Die alten Götter, Wahrheiten und Grenzen will man hinter sich lassen - Friedrich gibt die Devise aus: „Vorläufer sind wir ... eines Menschen, der noch gar nicht geschafffen ist. Er, der kommt, wird kein Selbstzerstörer und kein Selbsthenker mehr sein, vielmehr - ... ein Freigelassener - ja! Einer, der sich selbst überwunden hat und nur noch eine Macht kennt: sein Leben selbst."

Es zeigt sich jedoch, daß diese hehren Ziele nicht so einfach zu erreichen sind und daß die in Aussicht genommene Dreieinigkeit schnell wieder zu zerfallen beginnt. Spielt Lou etwa nur mit den Männern? Oder ist es deren gegenseitige Eifersucht, die zum Triebrad des Geschehens wird?

 

Der Autor

Herbert Meier, 1928 in Solothurn geborener Dramatiker, Erzähler, Lyriker, Übersetzer und Essayist, studierte Literaturgeschichte, Geschichte und Philosophie in Basel, Wien, Paris und Fribourg, lebte lange in Frankreich, Italien und England. Von 1977 bis 1982 wirkte er als Chefdramaturg des Zürcher Schauspielhauses; 1986 war er „writer in residence" an der University of Southern California. Seine Bühnenstücke und Romane wurden mit zahlreichen Literaturpreisen geehrt. Herbert Meier lebt in Zürich.

„Anlaß zum Schreiben dieses Stückes", so der Autor zu LOU UND DIE FRÖHLICHEN WISSENSCHAFTER, „war eine Ansichtskarte, wie sie heute im Engadin verkauft wird. Sie zeigt eine Aufnahme mit Lou Salomé und den beiden Philosophen Friedrich Nietzsche und Paul Rée. Die Männer sind an einen Leiterwagen gespannt, Fräulein Lou hält eine Peitsche in der Hand. Das Bild wurde 1882 im Atelier Jules Bonnet in Luzern aufgenommen.

Dem Stück dienen einzelne biographische Fakten als Rohmaterial: im übrigen folgt es seinen eigenen dramatischen Imperativen und Themen."

Für die Uraufführung im Ulmer Theater hat Herbert Meier eine Neufassung seines Stücks erstellt.

 

 

Ausstellung zu Leben und Werk von Herbert Meier

Zur Uraufführung von LOU UND DIE FRÖHLICHEN WISSENSCHAFTER findet in den Foyers des Ulmer Theaters eine große Ausstellung zum Leben und Werk Herbert Meiers mit dem Titel „IN DER SPRACHE IST ALLES..." statt, die in Zusammenarbeit mit dem Kantonalen Kulturzentrum Palais Besenval, Solothurn, gestaltet wurde.

Im Oktober wird Herbert Meier zu einem Publikumsgespräch anläßlich der LOU-Inszenierung und zu einer Lesung erneut in Ulm sein.

 

 

Grenzen sind zum Überschreiten da

Ein Gespräch mit Regisseur W. Hagemann über LOU UND DIE FRÖHLICHEN WISSENSCHAFTER

 

Wolfgang Hagemann, worum geht es für Sie im Stück?

 

Vordergründig ist es eine Liebesgeschichte zwischen drei jungen Menschen am Ende des letzten Jahrhunderts. Zwei Männer werden in Italien mit einer jungen Frau bekannt gemacht. Man beflügelt sich gegenseitig; man verabredet ein Verhältnis zu dritt und versucht, in den nächsten Monaten, diese „ménage á trois" an verschiedenen Orten Europas zu leben. Am Schluß des Stücks sind jedoch alle Figuren wieder allein.

 

Das klingt nach einer Geschichte des Scheiterns...?

 

Auf den ersten Blick mag es vielleicht so scheinen. Wie man weiß, prägte das Zusammentreffen jedoch die weiteren Lebenswege der historischen Vorbilder nachhaltig. Und die Geschichte scheint doch so exemplarisch zu sein, daß wir uns mehr als 100 Jahre später damit noch gern beschäftigen.

 

Wie geht Herbert Meier konkret mit den von Ihnen angesprochenen historischen Vorbildern um?

 

Herbert Meier blättert in seinem Stück diese heute schon anekdotische Liebesgeschichte in grandioser Vielschichtigkeit auf.

Er bedient sich zwar der historischen Spielorte des Geschehens, allerdings ohne seine eigene literarische Freiheit in der Ausarbeitung der Geschichte aufzugeben. Er reduziert die historischen Vorgänge auf nurmehr sechs Figuren, montiert Fakten um, erfindet neu und schafft dadurch eine schärferen Fokus auf die Innenwelten der Figuren. In diesem Sinne ist LOU UND DIE FRÖHLICHEN WISSENSCHAFTER auch kein historisches oder historisierendes Drama.

 

Wo liegen für Sie bei der Arbeit die Bezugspunkte zum Heute?

 

Meiers LOU handelt auch von der Angst der Gesellschaft vor Enttabuisierungen, Grenzüberschreitungen, vor anarchischer Phantasie. Friedrichs Ahnung im Stück: „Hinter deinen Gedanken und Gefühlen steht ein mächtiger Gebieter, ein unbekannter Weiser, und der heißt selbst" - ein Zitat aus Nietzsches ALSO SPRACH ZARATHUSTRA - kann vielleicht erst heutzutage in ihrer ganzen Konsequenz verstanden werden.

Im Stück gelangen Friedrich, Paul und Lou in einen Zustand, in dem die Sprache an eine Grenze kommt. Sie haben noch keine Möglichkeit gefunden, ihren Leib - diesen „unbekannten Weisen" - außerhalb der Konventionen zur Sprache zu bringen. Das „Offene, Blaue", das Ziel der Reise, zu der sie aufbrechen, sieht deshalb anders aus, als sie erhofften.

 

Ihre früheren Arbeiten in Ulm - AMERICAN BUFFALO von David Mamet und DAS ERBE von Bernard-Marie Koltès waren Auseinandersetzungen mit Autoren, die jeweils eine ganz eigene Sprache vorgaben - wie verhält es sich mit Herbert Meiers Stück?

 

Meiers Credo ist: „In der Sprache ist alles...". LOU UND DIE FRÖHLICHEN WISSENSCHAFTER ist in einer literarischen, in einer poetischen Sprache geschrieben, die über das einfache Benennen weit hinausgeht. Auch noch in ihren bewußten Auslassungen, in dem, was die Figuren nicht sagen oder einander verschweigen, sprechen sie miteinander.

In diesem Stück ist die Sprache Ausdruck von Verstand und Gefühl, von Bewußtem und Unbewußtem. Die Dynamik der Szenen wird also maßgeblich von der Sprache mitbestimmt.

 

Wolfgang Hagemann, 38, arbeitet als freier Regisseur an verschiedenen Theatern im deutschsprachigen Raum. Das Gespräch mit ihm führte Henning Reinholz.

 

 

Fragen an den Autor Herbert Meier

 

 

Der Fragebogen, den der Schriftsteller Marcel Proust in seinem Leben gleich

zweimal ausfüllte, war in den Salons der Vergangenheit ein beliebtes Gesellschafts-

spiel. Wir spielen es weiter: heitere und heikle Fragen als Herausforderung an

Geist und Witz.

 

Wo möchten Sie leben?

Manchmal auch in Zürich, wo ich wohne

 

Was ist für Sie das vollkommene irdische Glück?

Die Kunst der Vereinigung, was immer das sein kann

 

Welche Fehler entschuldigen Sie am meisten?

Den Schreibfehler

 

Ihre Lieblingsheldinnen in der Wirklichkeit?

Die echten sind meist namenlos. Um eine zu nennen: Mutter Teresa von Kalkutta

 

Ihre Lieblingsheldinnen in der Dichtung?

Medea, Viola, Helena (aus "Ende gut, alles gut"), ferner Eleonora und Sibel (wenn Sie erlauben, zwei Hauptfiguren meiner Stücke "Die Göttlichen" und "Bei Manesse") – und Jennyanydots (die Katze, die mit den Mäusen musiziert, aus T. S. Eliots "Old Possum’s Book of Praktical Cats")

 

Ihr Lieblingsmaler?

Picasso, Valerio Adami, Markus Lüpertz, Titus (wenn Sie erlauben: er ist unser Sohn)

 

Ihr Lieblingskomponist?

Mozart, Mahler, Debussy, Messiaen

 

Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einem Mann am meisten?

Gefühl, Aufrichtigkeit, Spontanität

 

Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einer Frau am meisten?

Charme, Phantasie, Lebensweisheit, Kochkunst

 

Ihre Lieblingstugend?

Liebe

 

Ihre Lieblingsbeschäftigung?

Schreiben und lieben. Über der Baumgrenze Kant lesen

 

Wer oder was hätten Sie sein mögen?

Niemand und nichts anderes

 

Ihr Hauptcharakterzug?

Leben im Augenblick

 

Was schätzen Sie bei Ihren Freunden am meisten?

Unmittelbaren Austausch der Gedanken und Gefühle

 

Ihr größter Fehler?

Ungeduld, dann und wann förderlich

 

Ihr Traum vom Glück?

Was ich lebe

 

Was ist für Sie das größte Unglück?

Hoffnungslos sein

 

Was möchten Sie sein?

Nichts anderes, als was ich in meinen besten Augenblicken sein kann

 

Ihre Lieblingsfarbe?

Feuerrot. Auch im Weinglas

 

Ihre Lieblingsblume?

Der blaue Enzian

 

Ihr Lieblingsvogel?

Singdrosseln im Engadin

 

Ihre Lieblingsdichter?

Euripides, Shakespeare, Goethe, Thomas Bernhard

 

Ihre Lieblingslyriker?

Hölderlin, Federico Garcia Lorca, Ezra Pound, Giuseppe Ungaretti

 

Ihre Helden in der Wirklichkeit?

Alle, die noch hoffen

 

Ihre Heldinnen in der Geschichte?

Alle, die es waren und nicht in den Büchern stehen

 

Was verabscheuen Sie am meisten?

Die Verführer der Massen

 

Welche militärische Leistung bewundern Sie am meisten?

Keine

Welche natürliche Gabe möchten Sie besitzen?

Fliegen können, wie die Schwalben

 

Wie möchten Sie sterben?

Einschlafen

 

Ihr Motto?

Vivere memento (Inschrift auf einer Sonnenuhr)

 

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