Last Exit 2050 - Kathy, George und die Sehmaschine

Eine Fiktion zur Jahrtausendwende von Ralf Milde und Franz J. Radermacher

Uraufführung - Exclusiv gesponsort von GARDENA

 

 

Text: Ralf Milde/ Franz J. Radermacher

Regie: Ralf Milde

Komposition: donauklangforschung

Bühne: Frank Hess

Video-Design: Marc Frauendorf

Kostüme: Sybille Gänßlen-Zeit

Medien: Günter Hörmann

Mit: Esther Filges, Friederike Frerichs, Saskia Richter, Ulla Willick, Jan Gebauer, Walter von Have, Jan Messutat, Max Reimann

 

Uraufführung: Donnerstag, 16. September 1999, 20 Uhr im Großen Haus

Matinée: Sonntag, 12. September 1999, 11 Uhr im Foyer

 

 

LAST EXIT 2050 ist eine Auftragsarbeit, die das Ulmer Theater an den freien Regisseur Ralf Milde und an Prof. Dr. Dr. Franz J. Radermacher vom Forschungsinstitut für angewandtes Wissen Ulm (FAW). erteilt hat. Den Anstoß zu dieser Uraufführung gab ein Vortrag des Wissenschaftlers, an dem auch Intendant Ansgar Haag teilnahm - und nicht zuletzt die anstehende Jahrtausendwende. Dazu die Wochenzeitung DIE ZEIT:

 

„Nicht, daß sich Ansgar Haag despektierlich über Kulturschaffende hätte äußern wollen. Aber der Intendant macht kein Hehl daraus, daß er die meisten Gegenwartsautoren für ‘künstlerische Eintagsfliegen’ hält, die zu den großen Fragen der Zeit nicht wirklich vordringen. Ganz anders der Ulmer Witschaftswissenschaftler Franz Josef Radermacher, den der Theaterintendant im Rotary Club kennenlernte. Der Vortrag war für Haag so provozierend, daß in seinem Kopf die Idee reifte, aus dem Thema (Globalisierung) ein Theaterstück zu machen. Schließlich habe der Stoff ja etwas von einer griechischen Tragödie." (Fritz Vorholz, 5. Juli 1996)

 

An der Schnittstelle zur Jahrtausendwende wird die Orientierungslosigkeit unserer Gegenwart zusehends größer. Sind alle technischen Errungenschaften und Entwicklungen notwendig? Müssen Toaster sprechen? Wird die Wissenschaft unsere Welt retten oder arbeitet sie an dem Verschwinden der Menschheit? LAST EXIT 2050 wagt einen Ausblick in die Zukunft und startet eine Reise in die vorweggenommene Zeit. Ausgangspunkt ist die Behauptung, daß nicht nur Wissenschaftler und Ökonome ihre Ideen für die Zukunft propagieren können. Statt mit gehöriger Verspätung auf die vordiktierten Veränderungen zu reagieren, soll auch das Theater spielerisch erforschen, wohin die Reise gehen kann.

LAST EXIT 2050 ist ein Laboratorium, in dem Wissenschaft und Theater sich begegnen. Das Theaterprojekt will in einer Versuchsanordnung auch erkunden, mit welchen theatralen und medialen Mitteln das Theater heute bereits auf die Zukunft reagieren kann.

In einem Gespräch gab Regisseur und Autor Ralf Milde Auskunft über seine Ideen.

 

Redaktion: Gehört Wissenschaftlichkeit überhaupt auf die Bühne? Kann man so etwas wie die Zukunft der Wissenschaft und Zukunftstechnologie überhaupt dramatisieren? Oder gerät der Versuch, Zukunft auf der Bühne zu zeigen nicht doch zu „Science Fiction"?

 

Milde: Wir leben ja bereits die Fiktion. Alle anderen Bereiche außerhalb des Theaters experimentieren längst mit den Stoffen der Zukunft, mit der Technik der Zukunft. Ganze Laboratorien werden eingerichtet, um die Technologien der Zukunft in Versuchsanordnungen zu erforschen und vorwegzunehmen. Nur das Theater hinkt hinterher.

Natürlich haben auch heute noch alte Autoren und alte Stücke ihre Berechtigung. Man muß jedoch bedenken, daß sie zur Zeit ihrer Entstehung und ihrer ersten Aufführungen auch aktuell waren und Themen aufgriffen, die in Bezug zu ihrer eigenen gegenwärtigen Zeit standen. So zum Beispiel Shakespeare, der es dabei aber auch schaffte, eine Art Mustersprache zu schaffen, die auch heute noch gültig ist. Aber das Weltbild hat sich doch grundlegend geändert, und natürlich hatten die Themen von heute, erst recht die Themen der Zukunft damals noch keine Relevanz. Deshalb funktioniert es eben auch nicht immer, alte Dramen auf heutige Themen umzufunktionieren.

 

Redaktion: Also neue Themen für ein Theater der Zukunft?

 

Milde: Neil Postman, ein Pädagogikprofessor aus den Staaten, sagte vor kurzem in der Süddeutschen Zeitung: „Im 13. oder 15. Jahrhundert war es vielleicht nicht so wichtig, wenn es den Menschen an technologischer Visionskraft fehlte. Im 20. Jahrhundert jedoch können wir es uns keinesfalls mehr leisten, mit geschlossenen Augen in die Zukunft zu gehen. Es reicht nicht, wenn man sagt, daß jeder technologische Wandel zu nicht vorhergesehenen Folgen führt. Das ist eine Trivialität." (Neil Postman, SZ 15./ 16. Mai 1999)

Ich denke, daß hier genau die Aufgabe des Theaters liegt. Transkulturell - das ist ein Begriff, der viel mehr an Bedeutung gewinnen müßte. Im Moment herrscht Transökonomoie vor. Überall dringt die Ökonomie, dringt das Geld und die Wirtschaft ein, selbst ins Theater mit seiner Budgetierung. Wir brauchen aber transkulturelle Strukturen. Die Kultur muß sich für die veränderten Wirklichkeiten vor der Theatertür öffnen. Und wir brauchen eine Aussage über die Entwicklung, die beispielsweise die Gentechnik nehmen wird.

 

Redaktion: Warum soll diese Aussage gerade vom Theater getroffen werden?

 

Milde: Das Theater wirft ja selbst immer wieder das Stichwort Ethik in die Debatte. Früher liefen wir dem Ideal des Menschen nach, heute laufen wir Klonen nach, immer auf der Suche nach dem Menschen ohne Makel, nach der perfekten DNA. Aber wo ist die Seele? Das Theater muß sich hier deshalb einmischen, weil es sonst niemand anderes macht. Das Fernsehen mit seinen Soap Operas und pseudowissenschaftlichen Forschungssendungen sowieso nicht. Das Theater sollte und muß die Dramatik, die in der Entwicklung von Wissenschaft und Technik liegt, nutzen, es sollte das Potential an Dramatik, was darin liegt, mit der dramatischen Sprache des Theaters nutzen.

 

Redaktion: Da es bei LAST EXIT 2050 um die Zukunft geht: Erwartet uns nun viel Technik auf der Bühne?

 

Milde: Die technischen Bilder, die wir zeigen werden, sind als Muster gedacht. Und natürlich stellen wir nicht einfach Fernseher auf die Bühne. Fließende, flimmernde Bilder werden zu sehen sein. Es soll den Menschen auch Spaß machen, sich selbst in einem vorweggenommenen Bild zu sehen.

Das Theater soll das Relief der Welt sein. Die Figuren des Stückes stehen so als Symbol für diese sich widersprechenden Aspekte: die Vergangenheit als Erinnern, die Gegenwart und der darin lebende, verängstigte orientierungslose Mensch, und die Zukunft, die sich ohne Rückgriff auf die Vergangenheit verwirklichen will.

 

Redaktion: Der Titel LAST EXIT 2050 suggeriert, daß in der Zukunft die Auswege aus möglichen Katastrophen immer weniger werden. Zeichnet LAST EXIT 2050 eine düstere Zukunft von der Welt?

 

Milde: Wenn wir es zulassen, daß ohne Anbindung an die Vergangenheit das Motto „anything goes" gilt, dann könnte die Zukunft düster aussehen. Was sollte denn die Motivation sein, die Welt zu retten, wenn nicht die Kultur mit all ihren vielen Facetten, mit Spiritualität, Theater, Musik, Literatur, Sprache usw. Man muß begreifen, daß die technischen Entwicklungen massiven Einfluß auf das kulturelle Umfeld des Menschen haben werden. LAST EXIT 2050 ist ein Versuch, den Klang der Welt am Ende des Jahrtausends aufzufangen.

 

 

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