Eduard KünnekeDER VETTER AUS DINGSDA
Herstellung von Dekorationen, Kostümen, Masken und Requisiten: Werkstätten des Ulmer Theaters. Aufführungsdauer: ca 2.15 Stunden - Pause nach dem ersten Akt - Premiere am 8. Mai 1997 im Großen Haus Aufführungsrechte Riccordi München
1. Akt Sieben Jahre wartet Julia de Weert schon auf ihren Roderich, der nach Dingsda in die Kolonien gegangen ist und, obwohl sie einander damals ewige Treue schwuren, nichts mehr von sich hören ließ. Als Postillon d'amour bemüht Julia sogar erfolglos den Mann im Mond. Solange Julia noch nicht volljährig ist, leben ihr Vormund Josef Kuhbrot und seine Frau Wilhelmine im Landhaus der Familie de Weert wie im Schlaraffenland; über das Vermögen Julias verfügt der Onkel aber ebensowenig wie seine Nichte. Josef Kuhbrot hat seinen ihm unbekannten Neffen August herbestellt, um ihn mit Julia zu verkuppeln. Mit diesem Schachzug hofft er, die Pläne des Landrats von Wildenhagen, Julias zweitem Vormund, zu durchkreuzen, der seinen Sohn Egon ebenfalls mit Julia verheiraten und dadurch in den Genuß des großen Vermögens gelangen möchte. Um Josef Kuhbrot zuvorzukommen, hat der Landrat Julia für volljährig erklären lassen. Den Heiratsantrag Egons weist Julia zurück und genießt mit ihrer Freundin Hannchen die Freiheit, indem sie einen Fremden, einen armen Wandergesellen, bewirtet und im Hause einquartiert. 2. Akt Am nächsten Morgen erfahrt der Fremde - in Wirklichkeit August Kuhbrot - durch Hannchen von Julias romantischer Liebe zum verschollenen Roderich. Kurz entschlossen gibt sich August für Roderich aus. Als Egon von Wildenhagen Julia ein Telegramm aus Batavia überbringt, das die Ankunft des echten Roderich meldet, bleibt August, der sich bereits in Julia verliebt hat, nichts anderes übrig, als fürs erste mal das Feld zu raumen. 3. Akt Josef Kuhbrot erfährt durch den Stationsvorsteher von der Ankunft seines Neffen. Da die Beschreibung der Kleidung genau auf die des falschen Roderich paßt, steht es für den Onkel fest, daß der angebliche Roderich seinen Neffen ermordet hat. In diese Verwirrung platzt ein zweiter Fremder, der sich sogleich mit dem flotten Hannchen glänzend versteht. Es ist Roderich, der seine Liebesschwüre längst vergessen hat. Als Roderich endlich Julia gegenubertritt, erkennt sie daß sie nicht ihn, sondern den Wandergesellen« liebt. So wendet sich schließlich wie meistens im Operettenland doch noch alles zum Guten - Julia bekommt ihren Wandergesellen und Hannchen ihren Roderich. DAS OPERETTICAL" Die Operette" als Vorstufe des Musicals". Mit dem 1. Weltkrieg war die Große Zeit" der Operette zu Ende gegangen. Für diese Goldene und Silberne Ära" standen Namen wie Johann Strauß oder Franz Lehar. In den Grauen des Ersten Weltkrieges war auch jener soziale Hintergrund zugrunde gegangen, der die Basis für diese Kunstgattung abgab. Die Komponisten suchten nach neuen Formen. Franz Lehar schrieb opernhafte Operetten mit tragischem Ausgang, Emmerich Kalman erhob den Tanz zum dominierenden Agens seiner Werke. Andere wiederum kreierten das musikalische Lustspiel. Für die Werke dieser Zwischenkriegszeit - nicht mehr Operette", noch nicht Musical" müßte ein neuer Titel erfunden werden: Operettical! Wesentlichster Vertreter dieser posthum geschaffenen Kunstgattung ist Eduard Künneke. Der 1885 geborene Rheinländer - Meisterschüler von Max Bruch in Berlin - wollte wie so mancher erfolgreicher Opernkomponist werden. Mit zwei Werken dieser Gattung, Robins Ende" (1909) und Coeur As" (1913) wurde er zwar Opernkomponist - allerdings kein erfolgreicher. Als Kapellmeister in Berlin erlebte er die Erfolge der Werke Berthes (Dreimäderlhaus), Jessels (Schwarzwaldmädel) und Walther Kollos (Drei alte Schachteln). Die erfolgreichen Berliner Operettentexter Hermann Haller und Rideamus wurden auf das Talent Künneke aufmerksam, beschlossen ihn zu fördern und der dritte Anlauf glückte: 1921 - Der Vetter aus Dingsda. Ein Welterfolg war geboren, der innerhalb weniger Jahren in über 10 Sprachen, darunter ins Japanische, übersetzt wurde. Im Zwiespalt zwischen Großer Operette" und Intimer Musikkomödie" lautete der Kompromiß: ein ausgewachsene Operette in intimem Rahmen! Mit keinem seiner späteren Werke konnte Eduard Künneke den Erfolg des Vetters" wiederholen, weder mit Glückliche Reise" oder mit der für den Tenor Helge Roswaenge Großen Sünderin", deren Schlager Das Lied von Leben des Schrenk" sich in den Konzertprogrammen der großen Tenöre allerdings halten konnte. Durch sein Festhalten an seiner halbarischen Ehefrau" wurde er ein Verfemter. Er blieb allerdings in Deutschland. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg blieb für die Komponistengeneration eines Künneke kein Platz. Das Musical und der Film hatten deren Stelle eingenommen. Musikalisch enthält der Vetter aus Dingsda" Juwelen, seien es die zu Schlagern gewordenen Melodien Strahlender Mond" oder Ich bin nur ein armer Wandergesell" oder die drei kunstvoll gebauten Finali des Werkes. Künneke war ein grenzenloser Neuerer: nicht nur, daß er das Stück in seiner Zeit spielen ließ (also nicht in fernem Land oder ferner Zeit), er verwendet auch als einer der ersten die neuen Tänze seiner Zeit, also nicht Walzer oder Polka, sondern Tango, Slowfox usw. Durch die Kreierung des Titels Operettical" wollen wir versuchen, Künneke einen anderen, besseren Stellenwert in der Musikgeschichte zuzuweisen: nicht ein Epigone am Ende einer Tradition, sondern ein Neuerer - nicht Umstürzler - am Beginn einer neuen Zeit. Klaus Rak |